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Europe, A Poem?

May 19th, 2014 · 1 Comment · Europe, Poetry, Whatever

Just back from Europe — where the elections for the European Parliament are heating up  — though “heat” may be the wrong image to conjure, or seems only appropriate for the most rightwing fascoid parties who see in these elections their chance to throw their weight around paradoxically exactly on that platform their hyper-nationalistic ideology wants to abolish: the post-nationalist EEC institutions in Strasbourg & Bruxelles. Finally Hungarian, French, English, Italian & other fascists can sit together on the same branch they are trying to saw off. And you think America is in trouble?

Meanwhile the German newspaper Die Zeit has gathered some poems by more or less noteworthy poetas on the subject of that old broad-faced cow:

Europa, ein Gedicht

Wir sind… Europa?
Vom 22. Mai an wählt der Kontinent sein neues Parlament. Aber gibt es so etwas wie eine gemeinsame Identität? Wir haben mit Kollegen europäischer Magazine zehn Schriftsteller beauftragt, kurze Gedichte über ihre Länder zu verfassen – zusammen ergeben sie eine komisch-traurige Ballade.
ZEIT Magazin Nr. 21/2014 18. Mai 2014, 8:00 Uhr
Johnny Ceres Jr – Niederlande – Volkskrant Magazine
JOHNNY CERES JR
Jahrgang 1970, hat eine wöchentliche Gedicht-Kolumne in der niederländischen Zeitung Volkskrant. Die Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes steht kurz bevor
Wij van boven op elkaar
Zijn toch niet van ijzer om ijzer
Maar van naar binnen glippen
Terwijl even niemand kijkt.
Wir, die van Dicht-an-dicht
Heißen trotzdem nicht van Eisen-um-Eisen
Sondern van Schnell-reingeschlüpft
Wenn gerade keiner hinsieht.
Michael Stavarič – Österreich– Falter
MICHAEL STAVARIČ
wurde 1972 in Tschechien geboren und lebt in Wien. Sein jüngster Roman Königreich der Schatten erschien bei C. H. Beck. Er arbeitet außerdem als Kolumnist, Kritiker und Kinderbuchautor
Kaum schließ ich die Augen denk ich mir
dass ich da genau reinpasse
in dich mein liebes Österreich und alles ist gut
für zehn zwölf dreizehn Atemzüge
Kaum wieder wach werde ich gefragt ob ich einen Nachruf schreiben werde
auf dich mein liebes Österreich und höre mich sagen
Ja ja oh ja das hat mir dann wirklich Angst gemacht
Dimitris Dimitriadis – Griechenland – ViMagazino
DIMITRIS DIMITRIADIS
1944 in Thessaloniki geboren, studierte Theater und Film in Brüssel. Er ist ein international bekannter Autor. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt
Η κρίση για την Ελλάδα δεν είναι ίδια με τις άλλες χώρες.
Όλοι το λένε, όπως κι αν το λένε, συνιστά το λίκνο τής Ευρώπης.
Η Ευρώπη να στοχαστεί τις καταβολές της και να αναστοχαστεί τις αξίες της.
Nα δει στην Ελλάδα, και η Ελλάδα στην Ελλάδα το οδυνηρό παρόν, την πρώτη ύλη για ένα νέο λίκνο.
Die Krise bedeutet für Griechenland nicht dasselbe wie für andere Länder.
Alle sagen es, wie auch immer sie es sagen: Griechenland ist die Wiege Europas.
Europa sollte sich auf seine Ursprünge besinnen, sich seiner Werte neu bewusst werden.
Es sollte in Griechenland – wie seinerseits Griechenland in seiner qualvollen Gegenwart – das Rohmaterial für eine neue Wiege sehen.
Saša Stanišić – Deutschland – ZEITmagazin
SAŠA STANIŠIĆ
wurde 1978 in Bosnien geboren und lebt heute in Hamburg. Sein neuer Roman Vor dem Fest wurde kürzlich mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet
Die Geheimnisse sind wir los. Abgegeben, wie unsre gut gebauten Waffen,
unfreiwilliger. Schütteln Babys, verliert Bayern ein Spiel, wir sind bischofs-
residenzschön. Wetten, dass unser Bier übernimmt, ein Denkmal für Erwin
Rommel, unsre Epen, unsre Migranten am Theater, unsre russische Energie.
Don Paterson – Großbritannien– The Observer Magazine
DON PATERSON
wurde 1963 in Schottland geboren, er lebt in Edinburgh und unterrichtet an der St.-Andrews-Universität. Paterson ist außerdem Jazzmusiker. Neben zahlreichen Auszeichnungen bekam er 2010 die Queen’s Gold Medal for Poetry
What country? And you try being so far adrift
in this weather. Still, we have our two-edged gift
of tongues to watch, and tongues we find to sing
of London’s Babylon, Skye’s Wyoming.
Welches Land? Und versucht ihr doch mal, so weit draußen dahinzutreiben
in diesem Wetter. Doch wir müssen unsere zweischneidige Gabe,
in fremden Zungen zu reden, im Zaum halten, und lassen unseren Zungen freien Lauf, um zu besingen
Londons Babylon, Skyes Wyoming
Valerio Magrelli – Italien – Il Venerdì di Repubblica
VALERIO MAGRELLI
kam 1957 in Rom zur Welt. Schon mit seinem ersten Gedichtband, den er mit 23 veröffentlichte, erregte er Aufsehen. Magrelli ist außerdem Übersetzer und Herausgeber
Su un’aria del “Turco in Italia” di G. Rossini
Cara Italia, alfin ti miro.
Vi saluto, amiche sponde.
Riposa tutta quanta la Penisola
avvolta da una trepida collanadi affogati. Ognuno di loro è una briciola
fatta cadere per ritrovar la strada.
Ma i pesci le hanno mangiate e i clandestini,
persi nel mare senza più ritorno,
vagano come tanti Pollicini
seminati nell’acqua torno torno.
Nach einer Arie aus Il Turco in Italia von G. Rossini
Teures Italien, endlich sehe ich dich.
Ich grüße euch, ihr freundlichen Gestade.Die ganze Halbinsel ruht,
umgeben von einer zitternden Kette
Ertrunkener. Jeder von ihnen eine Brosame,
fallen gelassen am Wegesrand.
Doch die Fische haben sie gefressen, und die Illegalen,
verloren im Meer ohne Wiederkehr,
irren wie unzählige Däumlinge umher,
ins Wasser gesät rundum die Gestade.
Shpëtim Selmani – Kosovo – Kosovo 2.0
SHPËTIM SELMANI
1986 in Priština geboren, ist ausgebildeter Schauspieler und Mitbegründer des modernen Theaters Po-Po in Ferizaj. 2011 erschien sein Gedichtband Poezi
Në ditën e parë u krijua gjaku,
në ditën e dytë vdekja,
në ditën e tretë u tha diçka për dashurinë
dhe pastaj nuk pati asnjë ditë për njerëzit.
Am ersten Tag wurde das Blut erschaffen,
am zweiten Tag der Tod,
am dritten Tag war von Liebe die Rede,
dann war kein Tag mehr übrig für die Menschen.
Jürg Halter – Schweiz – Das Magazin
JÜRG HALTER
wurde 1980 geboren und lebt in Bern. Zuletzt erschien von ihm der Gedichtband Wir fürchten das Ende der Musik (Wallstein Verlag). www.juerghalter.com[1]
Die Neutralität ein enthemmter Käse
gedeihend in goldenem Bankschließfach
im Schatten schokoladegetränkter Berge
wird jedes Klischee zur schreienden Realität: Pro Helvetia.
Maud Vanhauwaert – Belgien – De Morgen Magazine
MAUD VANHAUWAERT
wurde 1984 geboren. Sie ist Schriftstellerin und Text-Performerin. Ihr Debüt-Gedichtband erschien 2011. Im folgenden Jahr vertrat sie Belgien bei der Poetry-Slam-Weltmeisterschaft in Paris
Klein, maar met een centrale ligging
en veel uitzicht. België is een huis
met vele kamers – er wordt geschuifeld en geschoven –
achter gordijnen waarin gans Europa bolt.
Klein, aber in zentraler Lage
und mit guter Aussicht. Belgien ist ein Haus
mit vielen Kammern – es wird gerückt und umgeräumt –
hinter Vorhängen, gebauscht von ganz Europa.
Murat Menteş – Türkei – Radikal
MURAT MENTEŞ
kam 1974 in Istanbul zur Welt und ist Autor viel beachteter Romane und Gedichte. 2009 wählte ihn der türkische Schriftstellerverband zum Autor des Jahres. Er ist außerdem als Kolumnist und Drehbuchautor tätig
Türk mutfağından yükselen yemek kokularını duyan uzaylılar
Mevlana’nın şiirlerini, Mevlevi müziğini işiten uzaylılar
İstanbul Boğazı’nın, kubbelerin, gencecik gülüşlerin parlaklığını gören uzaylılar
“Tüm bu sinyaller dünyadan geliyor da, tam olarak nereden?” diye sordular.
İçlerinden biri cevabı yapıştırdı: “Nereden olacak, tabii ki Avrupa’dan!”
Außerirdische, die dampfende Gerüche aus türkischen Küchen vernehmen
Außerirdische, die den Gedichten von Mevlana, der Mevlevi-Musik lauschen
Außerirdische, die den Glanz des Bosporus, der Moscheekuppeln und des jugendlichen Lächelns sehen, fragen:
“All’ diese Signale, sie kommen zwar von der Erde, aber von wo genau?”
Einer von ihnen antwortet sogleich: “Na woher wohl, aus Europa natürlich!”
Übersetzungen: Sophie Zeitz Ventura, Sabine Laas, Waltraud Hüsmert, Joachim Röhm, Jürgen von Rutenberg, Özlem Topçu

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One Comment so far ↓

  • Poo

    Europe’s right wing wackos are rising to challenge the left wing wackos who have been running most of Europe for so long. As for the good old U.S. of A., the real troubles have yet to begin. Not even Greece or France can match the debt run up by Obama. By the inglorious end of his 2 terms Obama will have amassed more debt than all previous U.S. Presidents combined. Now there’s a legacy for the youth of today and tomorrow and tomorrow. Hard to conceive of Europe’s very loose right wing nuts ever matching that feat but, no doubt, they will try. Its a good time to be old and retired here in the frozen North!

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